Auf der einen Seite das Killerargument, warum man Details aus dem Privatleben, die eigentlich unter das Datenschutzgesetz fallen, in die Öffentlichkeit trägt, auf der anderen Seite der Hintergedanke, dass natürlich die Welt nicht weiß, was man eigentlich macht, wenn man es ihr nicht sagt. Außerdem muss man ja ins Internet gehen, wenn das lokale persönliche Umfeld nicht genügend Meinungen, Informationen und Aufmerksamkeit bietet.
Vor 10 Jahren war das nicht anders. Fragen, Ideen, Anregungen und Aufmerksamkeiten zu allen möglichen Themen wurden im Internet, in Foren und den damals noch beliebten Mailinglisten oder Newsgroups besprochen/erworben/bearbeitet. Mit wenigen Handgriffen konnte man schon damals viel Persönliches über eine Person erfahren. Schaltet man heute die Suchmaschine ein, findet man vieles von damals noch an den unmöglichsten Stellen im Netz gespeichert. Fast unheimlich, was da alles wieder zum Vorschein kommt. Auf der anderen Seite natürlich auch eine Auszeichnung und letztlich der Beweis, dass man sich schon früh mit einem Medium auseinandergesetzt hat, darin geschwommen ist, es gestaltet hat, das mittlerweile zur Mutter aller Medien geworden ist. Early Adopter, ole!
Der Nachteil heute ist, dass sich praktisch jeder über jeden informieren kann. Personensuchmaschinen und populäre Netzwerke nehmen jedem Laien die Recherchearbeit ab und eine Kontextualisierung findet so sicher nicht mehr statt. Man erscheint gläsern, obwohl man es nicht ist. Damals war schon der Zugang zum Netz eine Hürde, für Amateure erst recht, der Zugang zu speziellen Foren oder Szenen für den Normalbürger gar unmöglich. Man war im Internet für sich und in seinem Kreis. Heute stöbert sogar Mutti auf der eigenen Homepage und das komische Gefühl, dass gerade das Kinderzimmer von ihr durchsucht wurde, kommt wieder hoch.
Sich aus Communities zurückzuziehen ist wohl der falsche Schritt und eher mit dem Kopf in den Sand stecken zu vergleichen. Wenn es dumm läuft, stellen andere Inhalte über einen ein, oder fast noch schlimmer, niemand tut es. Kein Treffer in irgendeiner Suchmaschine zeugt von mangelnder Relevanz. Auch das Argument, dass sich die Betreiber einer Community oder eines Dienstes am Content bereichern, ist alt. Eine Community ist nur so viel wert wie ihre Inhalte und wird erst durch diese interessant. Frau Bunz bringt noch einen ganz anderen Aspekt ins Spiel: Die sozialen Kreise verschwimmen. Beruf und Privatleben vermischen sich. Was sich komisch anfühlt, ist die einzig logische Konsequenz. Man hat nur ein Leben, warum in diesem Kosmos Grenzen ziehen? Ein Umdenken setzt ein. Gesellschaftliche Normen werden auf den Prüfstand gestellt und Kulturpessimismus ist dabei kein guter Ratgeber, gesunder Menschenverstand ist wie immer besser.
Schlimm ist, dass es unangenehmer geworden ist, Informationen ins Internet zu stellen, weil der Missbrauch gefühlt zugenommen hat und der Charakter des Massenmediums die Ansprüche gesenkt hat. Dabei ist das Internet erst zu dem geworden, was es ist, weil Menschen Informationen – auch persönliche – ins Netz gestellt haben. Das sollte man jetzt nicht einfach abschaffen oder sich abschotten. Vielmehr bräuchte man einen Marcel Reich-Ranicki für das Internet, um zu zeigen, wo der Maßstab liegt.
