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Die Geister in der Maschine

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Das Internet versprach Freiheit und Teilhabe. Dann kamen die Konzerne. Heute plündern KI-Systeme das digitale Erbe. Eine Spurensuche von der Gegenkultur der 90er bis zur Gegenwartskunst – und eine Begegnung mit den Geistern William Blakes.

Suzanne Treister, Jerusalem 2018
MI3 (Machine Intelligence 3)

Manche Gesten wirken wie Echos aus einer anderen Zeit. 2018 vollendete die britische Medienkünstlerin Suzanne Treister ihr Werk MI3 (Machine Intelligence 3). Sie speiste eine KI mit Texten von Technologiekritikern, Militärdokumenten und religiösen Schriften und ließ daraus Bilder generieren. Diese Bilder verknüpfte sie mit einem zweiten KI-Verfahren mit Werken des englischen Romantikers William Blake. Das Ergebnis: sieben geisterhafte, abstrakte Tableaus. Das Radikale war nicht der Prozess, sondern die Distribution. Treister stellte alle sieben Werke „copyright free“ auf ihre Website – zum kostenlosen Download für jedermann. Sie tat dies, wie sie schrieb, „im Geiste des basisdemokratischen Internets der 1990er Jahre“.

Diese Geste wirkt heute, 2026, rührend anachronistisch. Das Internet – einst als herrschaftsfreier Raum erträumt – ist zu einem Marktplatz geworden, den wenige Monopole kontrollieren. Die Nachfolger von Treisters MI3, die heutigen generativen KI-Systeme, verwerten das digitale Erbe der Menschheit im industriellen Maßstab – oft ohne die Urheber zu fragen oder zu entschädigen. Treisters Geste erinnert daran, dass es einmal anders gedacht war. Sie öffnet ein Portal in eine verlorene Utopie.

Die kalifornische Verheißung

Diese Utopie trug einen Namen: Cyberspace. Und sie hatte einen Propheten: John Perry Barlow. Am 8. Februar 1996 veröffentlichte der Mitgründer der Electronic Frontier Foundation (EFF) auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos seine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Der Text war zornig und poetisch – ein Manifest gegen die „müden Giganten aus Fleisch und Stahl“, die Regierungen der alten Welt. „Ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes“, schrieb Barlow. „Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln.

Barlows Erklärung war der Kulminationspunkt einer Bewegung, die in der amerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre wurzelte. Pioniere wie Stewart Brand, Herausgeber des legendären Whole Earth Catalog, sahen in den Computernetzwerken die Chance, eine dezentrale, egalitäre Gesellschaft zu schaffen. Das Internet der 90er war ihr Labor: ein Raum ohne Zentrum, ohne Hierarchie, ohne Passkontrolle – ein Ort, an dem Wissen frei floss und jeder zugleich Sender und Empfänger war. In den Diskussionsforen des Usenet, in den Chatrooms des IRC, auf den ersten handgeklöppelten Websites entstand eine globale Konversation, die sich staatlicher und kommerzieller Kontrolle zu entziehen schien. Sie versprach eine digitale Allmende – ein Gemeingut des Geistes.

Der pragmatische Pakt

Doch die Utopie war fragil. Während Barlow noch die Unabhängigkeit proklamierte, schufen Konzerne und Gesetzgeber bereits Fakten. Das Urheberrecht – ein Instrument aus der analogen Welt – wurde zur Waffe im Kampf um den digitalen Raum. Ein entscheidender Moment war der Sonny Bono Copyright Term Extension Act von 1998: Er verlängerte in den USA die urheberrechtlichen Schutzfristen massiv und sperrte Werke, die kurz vor der Gemeinfreiheit standen, für weitere 20 Jahre.

Die Antwort auf diese „Einhegung der Allmende“ war kein weiteres Utopieversprechen, sondern ein pragmatischer juristischer Hack: Creative Commons. Der Rechtswissenschaftler Lawrence Lessig, Hal Abelson und der Verleger Eric Eldred gründeten die Organisation 2001, um die Kultur des Teilens rechtssicher zu bewahren. Lessig hatte zuvor im Fall Eldred v. Ashcroft vergeblich gegen die Verlängerung der Copyright-Fristen geklagt. Er erkannte: Der Traum vom rechtsfreien Raum war ausgeträumt. Stattdessen kehrte er die Logik des Urheberrechts um – von „alle Rechte vorbehalten“ zu „einige Rechte vorbehalten“.

Creative Commons (CC) verkörperte den institutionalisierten Geist der 90er. Die CC-Lizenzen erlaubten Urhebern, ihre Werke gezielt und unter klar definierten Bedingungen für die Allgemeinheit freizugeben. Sie balancierten den Schutz geistigen Eigentums mit dem Recht der Öffentlichkeit auf Zugang und Weiterverwendung. Wie Lessig in Free Culture (2004) formulierte, bildeten sie ein Bollwerk gegen eine „permission culture“ – eine Kultur, in der jede Nutzung, jede Bearbeitung und jede kreative Anknüpfung der Erlaubnis bedarf.

Die Geister in der Maschine

Zeitsprung ins Jahr 2026. Das Internet hat sich verändert. Die „müden Giganten“ sind nicht mehr die Staaten, sondern die Plattformkonzerne. Creative Commons, einst als Verteidigerin der offenen Kultur angetreten, steckt in einer existenziellen Krise. Der Grund: Künstliche Intelligenz.

Die großen Sprach- und Bildmodelle, die heute die digitale Welt fluten, trainierten ihre Systeme mit Abermilliarden Datenpunkten – einem riesigen Teil des Internets. Darunter: ein Großteil der unter CC-Lizenzen stehenden Werke. Die Ironie ist bitter: Das größte Archiv menschlicher Kreativität dient nun als kostenloser Steinbruch für kommerzielle KI-Systeme, die eben jene Urheber überflüssig zu machen drohen.

Das Problem ist juristisch wie philosophisch vertrackt. In vielen Rechtssystemen fällt das maschinelle Auslesen von Trainingsdaten unter Ausnahmeregelungen wie Fair Use (USA) oder Text and Data Mining (EU). Die CC-Lizenzen greifen hier oft nicht – das räumte die Organisation im Mai 2025 selbst ein. Die Bedingung der Namensnennung, das Verbot kommerzieller Nutzung – alles Makulatur, wenn die Maschine nur Muster kopiert, nicht das Werk selbst. „Creative Commons licenses and copyright may not stop academic work being used to train AI„, brachte Forscher Martin Paul Eve auf den Punkt.

Creative Commons steckt in einem Dilemma. Gegründet, um Offenheit zu ermöglichen, muss die Organisation diese Offenheit nun vor Ausbeutung schützen. Mit der Initiative „CC Signals“ arbeitet CC an neuen technischen Standards, die Urhebern mehr Kontrolle über die KI-Nutzung ihrer Werke geben. CC unterstützt vorsichtig auch die Idee von „Pay-to-Crawl„-Systemen, bei denen KI-Firmen für das Crawlen von Webseiten zahlen müssten – eine Idee, die den Pionieren der 90er wie Verrat geklungen hätte.

Es ist ein Kampf David gegen Goliath, wie CC-CEO Anna Tumadóttir es nennt – ein Kampf um die Seele des Internets. Mittendrin steht, wie ein stilles Mahnmal, Suzanne Treisters Geste aus dem Jahr 2018. Ihre Entscheidung, die MI3-Werke bedingungslos zu teilen, war mehr als eine Reminiszenz. Sie beschwor jene Geister, die das Netz einst erträumt hatten: die Geister von John Perry Barlow, von Lawrence Lessig – und die von William Blake, der die Imagination als „Körper Gottes“ bezeichnete.

Treisters Werk zeigt, was passiert, wenn man Maschinen mit der gesamten Bandbreite menschlicher Kultur konfrontiert – mit kritischer Vernunft, militärischer Logik und mystischem Glauben. Ihre Geste des Teilens erinnert uns: Diese Kultur ist ein Gemeingut. Ein Erbe, das wir verteidigen müssen – gegen die müden Giganten von gestern und die hungrigen Maschinen von heute.


Suzanne Treisters Werk „MI3 (Machine Intelligence 3)” ist derzeit in der Kunsthalle Hamburg zu sehen. Dieser Text wurde von dem Werk inspiriert. Für Recherche und Lektorat kam KI zum Einsatz.

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