In einer deutschen Wirtschaft, die händeringend nach digitaler Innovation und Flexibilität sucht, prallt die Realität moderner Erwerbsbiografien oft hart auf die starren Strukturen des Sozialstaats. Der Verband der Gründer und Selbständigen (VGSD) hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Lücke zu schließen – als Sprachrohr für jene, die weder Konzernangestellte noch prekäre Tagelöhner sind: die Wissensarbeiter und Unternehmer der digitalen Ära.
Deutschland tut sich schwer mit dem Unternehmertum, das nicht in das klassische Raster von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ passt. Wer heute als IT-Spezialist komplexe Softwarearchitekturen für Großkonzerne entwirft oder als freie Kreativschaffende Medienprojekte leitet, bewegt sich oft auf dünnem rechtlichen Eis. Genau hier positioniert sich der VGSD. Er ist mehr als ein bloßer Berufsverband; er ist die politische Interessenvertretung für eine wachsende Schicht von Solo-Selbstständigen, Freelancern und Kleinunternehmern, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft durch das Raster fallen.
Der Kampf gegen das Rasterdenken
Das Kernanliegen des Verbandes liest sich wie eine Mängelliste der deutschen Ordnungspolitik im 21. Jahrhundert. Während die Politik die Digitalisierung beschwört, sehen sich die Umsetzer dieser Digitalisierung – IT-Freelancer, Berater und Projektmanager – mit einem veralteten Sozialversicherungs- und Statusrecht konfrontiert.
Ein zentrales Thema des VGSD ist daher der Kampf gegen die Rechtsunsicherheit bei der sogenannten Scheinselbstständigkeit. Das „Statusfeststellungsverfahren“ der Deutschen Rentenversicherung schwebt wie ein Damoklesschwert über vielen hochqualifizierten Selbstständigen. Der Verband argumentiert, dass Kriterien, die einst zum Schutz von Paketboten gedacht waren, nicht auf IT-Experten mit hohen Stundensätzen angewandt werden dürfen, da dies Innovationen ausbremst und den Fachkräftemangel verschärft.
Die Mission ist klar: Faire Rahmenbedingungen schaffen. Das bedeutet Rechtssicherheit statt Generalverdacht, eine Altersvorsorgepflicht, die der Realität von Selbstständigen entspricht (und Wahlfreiheit lässt), sowie der Abbau bürokratischer Hürden, die Gründern unnötig Steine in den Weg legen.
Wissen als Währung
Doch der VGSD erschöpft sich nicht im politischen Lobbyismus in Berlin und Brüssel – wo er übrigens auch durch Kooperationen wie mit dem European Forum of Independent Professionals (EFIP) vernetzt ist. Er fungiert zugleich als pragmatische Akademie für den unternehmerischen Alltag.
In einer Zeit, in der das Steuerrecht für Laien kaum noch durchschaubar ist, bietet der Verband eine umfangreiche Wissensplattform. Durch Webinare, Experten-Talks und Regionalgruppen wird das vermittelt, was an Universitäten oft fehlt: Wie kalkuliere ich meinen Stundensatz? Wie sichere ich mich gegen Risiken ab? Wie akquiriere ich Kunden? Tausende Mitglieder – von Softwareentwicklern über Journalisten bis hin zu Coaches – nutzen dieses Netzwerk nicht nur zur Fortbildung, sondern als solidarische Gemeinschaft. Es ist der Versuch, die Isolation des „Solo“-Selbstständigen durch kollektiven Austausch zu durchbrechen.
Ein notwendiges Korrektiv
Die Relevanz des VGSD reicht dabei weit über die eigene Mitgliedschaft hinaus. Für die Politik und Ministerien ist der Verband zu einem unverzichtbaren Gesprächspartner geworden, wenn es um die Ausgestaltung moderner Erwerbsformen geht. Für Unternehmen und Startups ist er indirekt der Garant dafür, dass sie auch in Zukunft noch rechtssicher auf externe Expertise zugreifen können.
Letztlich verdeutlicht die Arbeit des VGSD einen gesellschaftlichen Wandel: Die Erwerbswelt wird hybrider, individueller und digitaler. Der Verband erinnert den Gesetzgeber beharrlich daran, dass die soziale Marktwirtschaft nicht nur aus großen Industriegewerkschaften und Arbeitgeberverbänden besteht, sondern auch aus Millionen mutigen Einzelakteuren, die das Risiko der Selbstständigkeit wagen – und die eine Stimme verdienen, die so professionell ist wie ihre Arbeit.

