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DBITS: Lobbyisten der Eigenverantwortung

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Deutschland ruft nach Digitalisierung, doch die Architekten dieser Zukunft verheddern sich oft im Netz der Bürokratie. Der DBITS e.V. tritt an, um den IT-Selbstständigen eine Stimme zu geben – in einem Land, das die Festanstellung noch immer als Goldstandard verehrt.

In den gläsernen Bürotürmen Frankfurts und den Start-up-Lofts Berlins wird unermüdlich an der Zukunft Deutschlands programmiert. Es ist eine Welt aus Code, Cloud-Architekturen und Cybersicherheit, getragen von Menschen, die flexibel denken und arbeiten. Betritt man jedoch das Parkett der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, trifft man auf ein seltsames Paradoxon: Während die Politik den digitalen Aufbruch beschwört, werden jene, die ihn als freie Experten vorantreiben, oft mit systemischem Misstrauen beäugt. In dieser Lücke zwischen modernem Arbeitsalltag und verknöcherten Paragrafen positioniert sich eine Organisation, die für mehr Ordnung sorgen will: der Deutsche Bundesverband Informationstechnologie für Selbständige e.V., kurz DBITS.

Es ist bezeichnend für die deutsche Vereinslandschaft, dass es einer expliziten Interessenvertretung bedarf, um das Offensichtliche zu verteidigen: die Legitimität selbstständiger Arbeit in einer hochkomplexen Branche. Der DBITS versteht sich hierbei als die berufsständische Vertretung aller selbstständigen IT-Experten in der Bundesrepublik. Man könnte ihn als den Anwalt all jener bezeichnen, die keine Personalabteilung im Rücken haben, wenn der Wind der Gesetzgebung rauer weht.

Ein Gegengewicht im korporatistischen Staat

Die Mission des Verbands liest sich wie eine Antwort auf die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte. Er setzt sich für die Verbesserung der wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein. Das mag zunächst nach klassischer Verbandsrhetorik klingen, birgt im Kontext der IT-Branche jedoch eine gewisse Sprengkraft. Denn die deutschen Arbeitsgesetze stammen in ihren Grundzügen aus einer Zeit, in der man am Fließband stand oder im Kontor saß – lebenslang, weisungsgebunden und festangestellt. Ein hochspezialisierter IT-Freelancer, der für sechs Monate in ein Projekt eintaucht, um kritische Infrastrukturen zu modernisieren und dann weiterzieht, ist in dieser Logik ein Störfaktor.

Hier will der DBITS ein wirksames Gegengewicht zu den etablierten Interessenvertretungen bilden. Denn weder die großen Industriegewerkschaften noch die klassischen Arbeitgeberverbände spiegeln die Realität der Solo-Selbstständigen angemessen wider. Für die einen sind sie keine schutzbedürftigen Arbeitnehmer, für die anderen keine „echten” Unternehmer mit Angestellten. Der DBITS füllt dieses Vakuum, indem er Folgendes postuliert: „Die Selbstständigkeit in IT-Berufen ist kein vorübergehender Zustand der Arbeitslosigkeit und auch kein Umgehungsmanöver, sondern ein legitimes, modernes Erwerbsmodell.”

Das Netzwerk als Sicherheitsnetz

Doch der Verband agiert nicht nur als politisches Sprachrohr. In einer zunehmend fragmentierten Arbeitswelt bietet der DBITS seinen Mitgliedern das, was früher die Kaffeeküche oder der Flurfunk leisteten: ein Netzwerk zur Unterstützung. Dies umfasst fachliche, technische und organisatorische Belange der beruflichen Tätigkeit. Für Einzelkämpfer wird der Austausch über Tagessätze, Haftungsfragen oder die neueste Rechtsprechung zur Scheinselbstständigkeit überlebenswichtig.

Die Organisation der Selbstständigen in einem starken Netzwerk ist dabei mehr als nur ein Selbstzweck, sie ist eine Form der professionellen Selbstbehauptung. Der DBITS ist der einzige Verband, der sich auf die spezifischen Belange von IT-Profis fokussiert. Er liefert die intellektuelle und strukturelle Munition für all jene, die sich im Dschungel der Auftragsvergabe behaupten müssen.

Die Notwendigkeit der Stimme

Letztendlich ist die Existenz des DBITS ein Symptom für den Zustand des Standorts Deutschland. In einer idealen Welt würde die Politik anerkennen, dass Innovation häufig von unabhängigen Geistern vorangetrieben wird, und die Gesetze entsprechend anpassen. Solange jedoch der Generalverdacht über der Solo-Selbstständigkeit schwebt und die soziale Absicherung ausschließlich auf das Angestelltenverhältnis ausgerichtet ist, sind Akteure wie der DBITS notwendig. Er erinnert die Gesellschaft daran, dass die digitale Transformation nicht allein von Konzernen, sondern von Menschen gemacht wird, die das Risiko der Freiheit wagen. Und dass diese Freiheit Schutz verdient.

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